Junger Fux – was nun?

Als wunderbaren Ausdruck von Engagement und Begeisterung über Vorbilder und aufregende Zeiten möchte ich hier die Rede von Vbr. D. Schneider, Landsmannschaft Preussen Berlin und Pommerania Aachen, Sprecher des CC 2013/14, auf dem Festkommers der Greifenstein-Tagung 2013 präsentieren:

Es gab genau zwei Dinge die es während meiner Fuxenzeit immer schafften, mich bis zum Punkt der Bewusstlosigkeit zu langweilen.

1)      Schwere Augen und schlaffe Glieder setzten bei mir stets während kontrovers geführter Diskussionen auf Aktiven-Conventen ein, die sich mit der Sauberkeit in der Küche und den Aufräum- und Abspülgewohnheiten der Aktiven befassten.

2)      Der zweite Garantiefall für Aufmerksamkeitsverlust waren Festreden auf Kommersen oder kommersähnlichen Veranstaltungen.

Es schien mir als Junger Fux, dass Festredner intern eine geheime Resolution verabschiedet hätten. Eine Absprache, die sie dazu zwingt, den Inhalt ihrer Reden entweder mit einer Diskussion zur andauernden Misere unserer Hochschullandschaft zu füllen, die Bologna Reform verbal zu zerreißen, die Globalisierung zu beschimpfen oder der schönen Zeit vor der Wiedervereinigung zu huldigen.

Ich war zu jung für diese Themen oder hatte keinen Bezug zu ihnen. Bitter ernste Themen, von viel zu ernsten Menschen, die viel zu grimmig schauten und eigentlich viel zu selten tranken. [Prost Corona].

Dieses Wochenende gehört den Aktiven. Dieser Abend ist in Aktivenhand. Dieser Kommers ist ein Aktivenkommers. Und Herr Verbandsbruder Schneider steht aus diesem Grund heute nicht am Mikrofon, um sich über die Bologna-Reform zu empören, das Vaterland zu loben, die Weltgeschichte mit Couleur zu verschönern oder ein langweiliges Präsidialjahresthema zu beschreiben. Als Schüler war ich immer fest davon überzeugt, dass es gute Lehrer gibt, und solche, die Unterricht machen. Ich möchte heute ein guter Lehrer sein und keine Moralpredigt über Werte und Anstand halten. Ich möchte eine Geschichte erzählen. Eine wahre Geschichte. Eine Geschichte wie du, junger Fux, sie auch erleben kannst.

Wahrscheinlich ist, dass du heute das erste Mal in Bad Blankenburg bist. Eventuell ist es auch das erste Semester für dich an einer Hochschule. Von schlagenden Studentenverbindungen hast du bis vor vier Monaten noch nie gehört und wenn, dann nur Gerüchte. Schauergeschichten, grausige Geschichten. Eventuell auch verrückte und lustige Geschichten, aber immer in Zusammenhang mit viel Bierkonsum, Leuten die sich daneben benahmen und möglicherweise auch Pferdehaaren, die in fleischige Wunden gelegt werden damit eine wunderschöne, männliche Narbe im Gesicht entsteht.

Einen „Burschi“ hattest du vorher noch nie in Echt gesehen. Bis vor wenigen Wochen, als einer dir die Tür aufgemacht hat, zu dem Haus, in dem auf WG-Gesucht.de ein günstiges Zimmer angeboten wurde. Deutlich günstiger und besser gelegen als der Rest der völlig überteurten Absteigen und Alternativ-Wohngemeinschaften in deinem Hochschulort, die du gesehen hast. Den Garten um das Haus fandest du ziemlich krass. Die Terrasse konnte auch einiges. Drinnen sah es ein wenig altbacken aus.„Ein Schlossgespenst würde sich sicher auch wohl fühlen“, hast du dir gedacht. Du dachtest „Es ist echt günstig und die Jungs scheinen auch keine Scientologen oder Zeugen Jehovas oder so was zu sein. Wenn ich keinen Bock mehr drauf habe oder die Sache zu schräg ist, ziehe ich halt in eine andere WG. Ich schaue es mir für ein Semester an.“.

Deine erste Kneipe hast du erlebt – skurril war es schon ein wenig, aber lustig. Mit der Plempe hast du auch schon ein wenig auf den Helm gedroschen – hat Spaß gemacht. Und damit die Kerle endlich Ruhe geben, hast du dir die Strippe mit den zwei Farben auch umhängen lassen.

Und heute Abend bist du hier. Gemeinsam mit vielen anderen, die es dir gleich getan haben. Und mit ein wenig Glück und ein bisschen Mut, junger Fux, könnte dies der Beginn einer langen Geschichte, einer lebenslangen Geschichte sein; eine Geschichte über die besten Jahre eines jungen Menschen. Eine moderne Geschichte über Freundschaft, Leidenschaft und Lebensfreude.

Aber warum? Warum wird man im Jahr 2013 in einer schlagenden Studentenverbindung aktiv? Was bewegt einen jungen Mann, uralte Lieder von 1820 anzustimmen, einen Schläger zu schwingen wie zu Kaiserzeiten, oder gar eine Mensur zu fechten? Ist das nicht völlig überholt? Der Kaiser ist tot! Was tun wir hier eigentlich? Wieso hängen wir uns bunte Strippen über und tragen abgefahrene Mützen? Warum nutzen wir Worte wie „Convent“, „Silentium“ oder „Couleur“? Warum engagieren und begeistern sich Menschen für ein Ideal, für das man von der Gesellschaft, den meisten Bekannten, Kommilitonen und Freunden ständig kritisiert und argwöhnisch hinterfragt wird?

Ich bin sehr stolz, Korporierter zu sein. Meine Mützen und Bänder hängen direkt an meiner Zimmerwand, gut sichtbar für alle, die den Raum betreten. Als Laura im letzten Monat das erste Mal in mein Zimmer kam, raunte es beim Erblicken meiner Farben voller Entsetzen und aus ihrem Mund:

Was!? Bist du etwa in einer Studentenverbindung? Das passt ja gar nicht zu dir! Hätte ich nie gedacht! Das sind doch alles so Sozialversager die ständig saufen, sich Brotkrumen in die Nase stecken und dabei um die Wette kotzen! Was machst du denn bei so was?“.

Schnitt.

5 Jahre zuvor. Ich saß auf meinem ersten Convent. Ein Semesterantritts-Convent. Mein Fuxenband strahlte fabrikneu, der Anzug kniff ein wenig am Hintern – ich kam bisher selten dazu ihn zu tragen. Eine Debatte zu einem belanglosen Thema wurde voller Inbrunst von den Aktiven geführt und verlief bereits über eine Zeitspanne von gefühlten Stunden. Kein Ziel und Ende in Sicht. Ich hatte keine Ahnung von Nichts und war eigentlich nur Raumdekoration. Ein alter Herr saß mit am Tisch und lauschte dem Verlauf die ganze Zeit über verträumt. Unerwartet hob er den Finger als Wortmeldung. Als der Conventsleiter ihm nach einigen Minuten das Wort zusprach, verschwand der etwas verplante Ausdruck in seinem Gesicht.

Ich bin mir auch heute noch sicher, dass er in dem Moment, in dem er den Stuhl nach hinten schob, keine Agenda noch eine genaue Vorstellung davon hatte, was er genau sagen wollte. Aber die Zeit sich zu erheben, sich hinter den Stuhl zu stellen, sich aufzurichten und den obersten Knopf seines Jacketts zu schließen, reichte ihm, um eine Argumentationskette zu erdenken die so messerscharf, so perfide, so überzeugend war, dass kein Aktiver ihr Stand halten konnte. Ich riss die Augen und Ohren auf als ich sah, wie der Alte jeden Aktiven im Raum rhetorisch komplett vernaschte, alle Parteien auf seine Seite zog und ein Trümmerfeld von hoffnungslosen, verkümmert wirkenden Argumenten zurück lies, als er sich wieder setzte. Die Diskussion war beendet, er kam, sah, und… träumte wieder vor sich hin, nachdem er Platz genommen hatte.

Ich war begeistert! Ich hatte so etwas noch nie gesehen! Das war geschmeidiger als James Bond. Halt ein wenig älter und faltiger und mit alkoholfreien Becks anstatt Martini, aber weitaus eloquenter als das Original! Ich kannte mich gut aus mit Zahlen und Logik, aber eine derartige Perfektion zu argumentieren und vorzutragen war mir völlig neu.

Stillschweigend beschloss ich, mir so viel ich konnte davon abzuschauen.

Am gleichen Abend noch saß ich zusammen mit Ärzten, Juristen, Unternehmern, Firmenchefs, richtig hohen Tieren. Die Kerle präsentierten unglaublich starke Charakterzüge und erzählten reiche Lebensgeschichten, strahlten Selbstbewusstsein aus und waren richtig interessant. Mir war klar, dass ich Vorbilder vor mir hatte. Menschen an denen ich hoch schauen und mich orientieren konnte. Menschen von denen ich lernen konnte. Nicht unbedingt lernen über Normalverteilungen oder Vektoren und Matrizen. Aber lernen über den Umgang mit Menschen, lernen über die Kunst des gesprochenen Wortes, der innerlichen Größe und der Fähigkeit zu führen. Echte Charaktere. Einen Schlag Mensch, den mir die Uni und mein Umfeld nicht präsentieren konnten.

Drei Monate später. Seit seinem 20. Lebensjahr trug Baltasar K. das Band seiner geliebten Landsmannschaft. Er starb mit 85 Jahren. Die Aktivitas war dünn besetzt in diesem Jahr. Man bat mich als Fux auf der Beerdigung zu chargieren. Ich kannte Baltasar nicht, hatte nie mit ihm gesprochen. Ich wusste nicht wer er war oder wie er war. Aber er musste ein toller Mensch gewesen sein! Anders konnte ich mir nicht erklären, dass so viele seiner Bundesbrüder teils aus dem Ausland anreisten, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Viele von ihnen kannten ihren Freund seit mehr als 60 Jahren. Haben die besten Jahre ihres Lebens mit ihm verbracht. Haben gemeinsam Fahnen geklaut, sich mit der Plempe auf den Helm gedroschen, Gaslaternen ausgetreten, sich auf dem Convent beschimpft, den Mädchen den Hof gemacht, die Jugend gelebt. Jetzt waren sie alte Männer, die Haare grau und Tränen in den Augen. Ein Teil ihrer eigenen Geschichte war gestorben. 60 Jahre Freundschaft.

Ich als Fux stand am Rande in meiner Uniform. Ein wenig verloren und überfordert. Ich war tief gerührt. Ich trug das Fuxenband. Ein Band wie Baltasar es trug vor 60 Jahren. Und ich wünschte mir, dass wenn ich irgendeinmal gehe, dann wie er, umgeben von Freunden. Heute denke ich, dass ich möglicherweise auch da stand, als erneuter Beginn. Als ein neuer Zyklus von 60 Jahren Freundschaft.

Vier Monate später. Der Brillenriemen schnitt stechend in mein Ohr. Der anhaftende Schweißgeruch meiner Vorgänger kroch mir in die Nase, ich konnte nichts sehen – oder zumindest nur punktweise. „Wenn’s weh tut isses jut – dann sitzt sie“, drosch ein dicker Alter Herr hinter mir raus. „Herzlichen Glückwunsch“ dachte ich mir – es tat ordentlich weh. Aber das war nur Nebensache. Mein Hauptgedanke war, dass ich Angst hatte. Ich hatte richtig Angst! Meine Fuxenpartie stand bevor. Ich hatte vorher noch nie eine Mensur gesehen. Nur probeweise auf dem Paukboden – da gab es aber Helme und die Klingen waren stumpf. Und da schauten nur vier Leute zu, jetzt waren es 80, 90 vielleicht 100! „Hoch bitte, auf Mensur, fertig, los!“ schallte es laut durch den Raum. Ich war im Autobetrieb, arbeitete meine einstudierten Bewegungen ab, wie ich es auf dem Paukboden gelernt habe. Die Klingen schmetterten einmal kräftig aufeinander, „Dong“, schnell wieder zurück in die Ausgangslage, der erste Gang war aus. Und die Angst? Die Angst war so gut weg.

Aber das magische an dem Moment war, dass als meine Angst verflog, ich bemerkte, dass die Angst meiner Bundesbrüder erst richtig zur Entfaltung kam. Der Schleppfux zitterte, und drehte meinen Arm völlig übereifrig im Kreis, in der Hoffnung mir etwas Gutes zu tun. Der Sekundant flüsterte mit ganz nervöser Stimme in mein Ohr „sehr gut, sehr gut, das machst du sehr gut, weiter so Großer“ und streichelte meinen Bauch so heftig, dass es fast schon weh tat. Die Bundesbrüder um mich herum klammerten sich verkrampft an ihre Mützen. Das war ein tolles Gefühl! Ein echtes „Wir-Gefühl“! Ich fühlte mich beflügelt. Es war als ob 30 Leute in schwarz-weiß-orange gemeinsam vorsetzten, gemeinsam abdrehten, Quarten und Terzen aufzogen.

Und es war in diesem Abend als ich verstand, dass die Mensur keine Mutprobe von martialischen Chauvinisten und ewig Gestrigen ist. Sie ist der Punkt auf dem Buchstaben „i“. Der Punkt als emotionale Krönung einer langen Zeit der gemeinsamen Vorbereitung, des gemeinsamen Lachens, auch des gemeinsamen Leidens und Blödsinn-Machens. Sie ist Mutprobe. Ja. Aber eine Mutprobe für den ganzen Bund. Sie ist eine uralte Tradition die ungeheuer zusammenschweißt und verbindet. Als ich die Brille abgenommen bekomme habe und der Schweiss mir brennend über die Augen rannte, kamen die Bundesbrüder und wuschelten mir durch das Haar, gratulierten mir, waren genauso erleichtert wie ich. Ich umarmte meinen Gegenpaukant. Ein fantastischer Moment. Ich bat meinen Zweitchargierten am gleichen Abend die nächste Partie auszumachen.

Zwei Jahre später.„Silentium! ich eröffne hiermit den Festkommers anlässlich des 138. Stiftungsfestkommerses der Landsmannschaft Preußen“ schallte es selbstbewusst aus meinem Mund. Ich war Erstchargierter. Leitete den Kommers. Schrieb und hielt Reden. Begrüßte Gäste. Erdachte spontane Geschichten und Repliken. Zuvor plante ich Veranstaltungen, führte Convente und hielt Vorträge. Ich leitete feucht-fröhliche Kneipen, auf denen die Teilnehmer ständig versuchten mich aus dem Konzept zu bringen. Ich lernte früh, ihnen zu kontern. Ich lernte zu argumentieren und taktisch zu planen. Heute reise ich durch Deutschland, duze mich mit Firmenchefs und Abteilungsleitern in Couleur, vertrete die Aktivitates eines Verbands von 10.000 Akademikern. Und ich mache das nicht weil ich so ein toller Hecht bin oder irgendwelche Eigenschaften habe, die mich dazu prädestinieren. Ich mache das, weil ich durch eine Schule gegangen bin, die mich dazu ausgebildet hat. Eine Schule, die mir beigebracht hat wie man in der Öffentlichkeit auftritt. Die mir spielerisch gezeigt hat wie man mit schwierigen Situationen umgeht und Menschen für sich begeistert.

Meine Universität hat mir beigebracht wie ich rechne, meine Verbindung hat mir beigebracht wie ich führe.

Zurück im Oktober 2013.

Was!? Bist du etwa in einer Studentenverbindung? Das passt ja gar nicht zu dir! Hätte ich nie gedacht! Das sind doch alles so Sozialversager die ständig saufen, sich Brotkrumen in die Nase stecken und dabei um die Wette kotzen! Was machst du denn bei so was?“.

Ich guckte Laura mit einem Lächeln an und sagte ganz ruhig zu ihr:

Weil ich in der Verbindung Freunde und Vorbilder gefunden habe. Menschen die sich komplett von der Masse abheben. Weil es mir Spaß macht, mich zu engagieren, und ich mich riesig darüber freue, wenn die Leute es schätzen. Weil ich weiß, dass meine Verbindung auch noch in 50 Jahren für mich da sein wird, bei meinen Kommilitonen bin ich mir da nicht ganz so sicher. Ich bin gewachsen durch meine Verbindung, habe gelernt zu reden, zu planen und zu führen. Klar, du hast schon recht. Vieles ist altbacken und überholt. Und manchmal vergessen wir, dass Tradition nicht bedeutet die Asche aufzubewahren. Sondern dass Tradition bedeutet, das Feuer weiter zu geben. Und einige Leute verhalten sich peinlich, deplatziert und sind einfach nur nervig. Aber wie es immer ist, diese Leute sind es, die du wahrnimmst. Den wahren Kern dahinter siehst du gar nicht. Und der ist es, der die wahre Schönheit ausmacht.

Laura blieb noch bis zum Frühstück.

Junger Fux. Du bist heute das erste Mal in Bad Blankenburg. Du weißt noch nicht ob deine Verbindung etwas für dich ist. Du bist skeptisch gegenüber der angeblichen Traditionen und Werte. Du hinterfragst Dinge. Zum Glück! Behalte das bei! Lass dich nicht betäuben. Bleib wach! Bleib misstrauisch!

Ich wünsche mir aber von dir, dass du den Mut hast, dich auf deine Verbindung einzulassen, ihr eine Chance gibst. Du wirst es nicht bereuen! Ich wünsche dir, dass du echte Freunde findest – so wie ich. Ich wünsche dir, dass du Vorbilder findest und tolle, verrückte Geschichten erlebst. Ich wünsche dir eine aufregende Zeit im Studium, in der du wächst – vom Mann zu einer Persönlichkeit. Und ich freue mich darauf, in einigen Jahren deinen Platz da hinten einzunehmen und den Geschichten zu lauschen, die du hier vorne erzählst. Ich freue mich darauf von dem Feuer zu hören das du für dich gefunden hast. Und ich freue mich darauf, dass du dieses Feuer an kommende Generationen weiter gibst.

Vergiss die Asche.

Darauf stoßen wir dann an. Prost, junger Fux, prost Corona.

Ganz herzlichen Dank an Vbr. Schneider für seine Erlaubnis zur Veröffentlichung an dieser Stelle !
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